Wer meinen Blog schon seit beginn verfolgt hat eins bemerkt, es hat schon länger keinen Blogbeitrag gegeben. Hier eine kurze erklärung, warum.
Die Vorweihnachtszeit gilt als eine Phase der Ruhe, der Nähe und des Innehaltens. Strassen leuchten, Kalender füllen sich mit Verabredungen, und überall schwingt die Erwartung mit, dass nun endlich Zeit zum Durchatmen sei. Doch für viele Studierende fühlt sich dieser Zeitraum ganz anders an: nicht ruhig, sondern widersprüchlich. Nicht entlastend, sondern überfordernd.
Zwischen Deadlines, Leistungsdruck, sozialen Erwartungen und finanziellen Sorgen entsteht ein Spannungsfeld, das sich nicht einfach mit gut gemeinten Ratschlägen auflösen lässt.
Wenn „Mach doch mal Pause“ keine Lösung ist
Mit näher rückendem Weihnachten häufen sich Sätze wie: „Du musst doch nicht jeden Tag arbeiten“ oder „Jetzt kannst du dir auch mal eine Pause gönnen.“ Diese Aussagen sind meist gut gemeint. Dennoch verkennen sie eine zentrale Realität: Würde man jeder Einladung, jedem spontanen Treffen und jeder Aufforderung zur Erholung nachkommen, bliebe kaum noch Zeit für Studium oder Arbeit.
Deadlines verschwinden nicht, nur weil es Dezember ist. Prüfungen, Abgaben und Verpflichtungen laufen weiter, oft sogar verdichtet zum Jahresende. Die mentale Belastung entsteht dabei nicht nur durch die Aufgaben selbst, sondern durch das ständige Abwägen: Reicht das, was ich gerade leiste? Ist es genug, um zu bestehen?
Die American Psychological Association berichtet seit Jahren von erhöhtem Stressniveau während der Feiertage. In einer gross angelegten Umfrage gaben 89 % der Befragten an, sich während der Weihnachtszeit gestresst zu fühlen; 41 % beschrieben diesen Stress als höher als im Rest des Jahres (American Psychological Association, 2023). Besonders stark betroffen sind junge Erwachsene, also genau jene Gruppe, die sich häufig noch im Studium befindet (American Psychiatric Association, 2023).
Studieren im Ausnahmezustand Dezember
Für Studierende fällt die Vorweihnachtszeit häufig mit Prüfungsphasen zusammen. Zahlreiche Studien zur psychischen Gesundheit junger Menschen zeigen, dass akademischer Leistungsdruck, Zukunftsängste und finanzielle Unsicherheit zentrale Stressoren darstellen (Pro Juventute, 2022). Diese Belastungen werden durch die emotionale Aufladung der Weihnachtszeit verstärkt: Während von aussen Ruhe erwartet wird, erleben viele innerlich eine Zuspitzung.
Hinzu kommt der sogenannte mentale Dauerbetrieb. Selbst wenn man körperlich ruht, bleibt der Kopf aktiv. Unerledigte Aufgaben, offene Fragen und finanzielle Rechnungen lassen sich nicht einfach abschalten. Das erklärt, warum viele Menschen berichten, dass sie zwar im Bett liegen, aber nicht wirklich zur Ruhe kommen.
Warum Abschalten so schwerfällt
Aus psychologischer Perspektive ist dieses Phänomen gut erklärbar. Das Stressor-Detachment-Modell beschreibt, dass echte Erholung nur dann möglich ist, wenn eine mentale Distanz zu den Stressauslösern entsteht. Solange Anforderungen als ungelöst wahrgenommen werden, bleibt das Nervensystem aktiviert, das selbst in Ruhephasen.
Das bedeutet: Nicht fehlende Dankbarkeit oder mangelnde Disziplin verhindern Entspannung, sondern ein anhaltender Zustand von Verantwortung und Unsicherheit.
Die oft unsichtbare Rolle von Geld
Ein weiterer Faktor wird in Diskussionen über Weihnachtsstress häufig unterschätzt: finanzielle Belastung. Lebenshaltungskosten steigen, Miete und Versicherungen laufen weiter, und viele Studierende sind auf Erwerbsarbeit angewiesen. Weihnachtsgeschenke, Reisen oder gemeinsame Aktivitäten erhöhen den Druck zusätzlich.
Studien zeigen, dass finanzielle Sorgen zu den stärksten Prädiktoren für Angst und psychischen Stress zählen, insbesondere in der Weihnachtszeit (Deconstructing Stigma, 2024). In diesem Kontext wirkt die Aufforderung, Arbeit einfach ruhen zu lassen, für viele realitätsfern.
Zwischen Vorfreude und Überforderung
Interessanterweise zeigen Untersuchungen auch, dass das allgemeine Wohlbefinden vieler Menschen in der Adventszeit zunächst ansteigt und an den Feiertagen seinen Höhepunkt erreicht, bevor es nach dem Jahreswechsel wieder sinkt (Universität Rostock, 2018). Dieser Effekt ist jedoch nicht gleichmässig verteilt. Menschen mit hoher Belastung profitieren deutlich weniger von dieser emotionalen Aufwärtsbewegung.
So entsteht ein Paradox: Während die Umgebung zunehmend festlich wirkt, fühlen sich manche innerlich immer weiter entfernt von dieser Stimmung. Medien und soziale Netzwerke verstärken diesen Effekt, indem sie ein Bild von perfekter Harmonie und Produktivität vermitteln, das mit der eigenen Realität kaum vereinbar ist (Katholische Hochschule Freiburg, 2024).
Eine freundlichere Perspektive auf den Dezember
Aus Sicht der mentalen Gesundheitsforschung ist klar: Unrealistische Erwartungen erhöhen Stress, während Selbstmitgefühl und realistische Zielsetzungen entlastend wirken. Perfektionismus, gerade in emotional aufgeladenen Zeiten, steht in engem Zusammenhang mit Erschöpfung, Angst und Schlafproblemen.
Vielleicht muss die Vorweihnachtszeit nicht ruhig sein, um wertvoll zu sein. Vielleicht reicht es, kleine Momente der Entlastung zuzulassen, ohne daraus eine weitere Aufgabe zu machen. Nicht vollständige Erholung, sondern sanfte Unterbrechungen des Dauerbetriebs.
Schlussgedanke
Wenn sich diese Zeit schwer anfühlt, ist das kein persönliches Versagen. Es ist eine nachvollziehbare Reaktion auf eine Vielzahl gleichzeitiger Anforderungen. Viele Studierende tragen diese Last, auch wenn sie von aussen nicht sichtbar ist.
Vielleicht ist das wichtigste Geschenk in dieser Zeit nicht Perfektion, sondern Verständnis, für die eigene Situation, die eigenen Grenzen und die Tatsache, dass manche Jahre eher vom Durchhalten als vom Innehalten geprägt sind. Und auch das darf genug sein.
Literaturverzeichnis
American Psychiatric Association. (2023). Americans more anxious about the holidays. https://www.psychiatry.org/news-room/news-releases/americans-more-anxious-about-the-holidays
American Psychological Association. (2023). Stress in America: Holiday season. https://www.apa.org/news/press/releases/2023/11/holiday-season-stress
Deconstructing Stigma. (2024). Holiday stress and mental health. https://deconstructingstigma.org/guides/holidays
Katholische Hochschule Freiburg. (2024). Stressige Weihnachtszeit – warum Erwartungen belasten. https://www.kh-freiburg.de/de/hochschule/news/2024/12-17-stressige-weihnachtszeit
Pro Juventute. (2022). Stress-Studie: Psychische Belastung bei Jugendlichen. https://www.projuventute.ch/de/stress-studie
Universität Rostock. (2018). Studie zum Wohlbefinden in der Weihnachtszeit. https://www.uni-rostock.de/universitaet/kommunikation-und-aktuelles/medieninformationen/detailansicht/n/forscher-legen-studie-zum-wohlbefinden-der-menschen-in-der-weihnachtszeit-und-danach-vor-40421